Gereizt, Gerissen und Verspannt

Süddeutsche Zeitung vom 4.2.2012 zu Verletzungsgefahr beim Yoga
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Yoga unter falscher Flagge
Ein Kommentar (in rot) von Hans Deutzmann aus der Sicht des Yoga in der Gesundheitsförderung

Yogalehrer Hans Deutzmann

Yoga kann der Gesundheit auch schaden. Die Liste der Yoga-Verletzungen ist ähnlich lang wie die Krankengeschichte mancher Profi-Fußballer. Weil die Übungen als sanfter Wohlfühl-Sport gelten, rechnen viele Menschen nicht damit, dass es dabei auch schmerzhaft werden kann.

Es ist leider richtig, das das, was heute oft unter dem Namen Yoga angeboten wird, zu Verletzungen führen kann. Für "richtiges" Yoga selber gilt dies allerdings per definitionem nicht oder nur in sehr geringem Umfang. Yoga bedeutet, Störungen zu verringern, Krankheiten zu überwinden, körperliche und geistige Dysbalancen auszugleichen. Eine Übungspraxis, die Krankheiten erzeugt, ist kein Yoga. Im Yoga verbietet sich jedes auf Äußerlichkeiten gerichtete Leistungsdenken. Eine Yogapraxis, die solche Ergebnisse bringt, ist keine Yogapraxis.

Besonders, wenn eifrige Schüler auf schlechte Lehrer treffen.

Das ist leider richtig. Der Ausbildungsstandard befindet sich seit 10 Jahren im freien Fall. Ausgelöst wurde diese Entwicklung besonders durch Anbieter, die  unabhängig von persönlichen Voraussetzungen und vorhergehenden Übungserfahrungen sowie dem allgemeinen Bildungsstand Massen von Menschen in 4 Wochen zum Yogalehrer ausbilden. Erschwerend kommt hinzu, das diese Personen fast durchgängig  auf die sogenannte Rishikesh Reihe trainiert wurden. Diese Reihe birgt  für den durchschnittlichen Yogaübenden, insbesondere Anfänger und Ungeübte, ein hohes gesundheitliches Risiko. Aus diesem Grund sind auch  solchermaßen „ausgebildete“ sogenannte Yogalehrer ein Risiko. Das Gleiche gilt für die modernen amerikanischen Ashtanga Yoga Derivate des Power Yoga, die alle unter verschiedenen Namen eine Art Yoga als  Leistungssport anbieten. Mit Yoga hat dies aber nicht mehr allzu viel zu tun. Auch hier finden sich sehr schwierige Übungen für Fortgeschrittene, die von Menschen unterrichtet werden, die häufig  Ausbildungen von nicht mehr als 6 Monaten haben. Es geht vor allem um Body Workout. Um diese Übungen in dieser Form zu unterrichten, ist eine wesentlich größere Ausbildungstiefe erforderlich. Zudem sind die Übungen selbst für die meisten Menschen nicht geeignet.  

Zuerst der Sonnengruß. Dann biegt, streckt und faltet sich der Körper zum Herabschauenden Hund, zum Fisch, zur Kobra und Krähe und was das Tierreich sonst noch an Bezeichnungen für strapaziöse Verrenkungen zu bieten hat. Yoga nennt sich das. Wer es trainiert, hofft auf einen beweglicheren Körper, Linderung von Beschwerden, innere Ruhe oder spirituelle Erkenntnis.

Yogaübungen sind klassisch per definitionem nur leicht anstrengend und keinesfalls strapaziöse Verrenkungen. Der Atem darf nur ruhig fließen, die Bewegungen sind achtsam auszuführen und jede Missempfindung ist zu vermeiden. Die Übungsauswahl ist so zu treffen, dass die Haltungen stabil und angenehm sind, sogar leicht sind, aber keinesfalls strapaziös. Selbst der Sonnengruß wird von verantwortungsvollen Yogalehrern deshalb  nicht an Anfänger unterrichtet.

Vor allem vertraut er darauf, dass die Verrenkungen nicht schaden, sondern guttun.

Das ist richtig; er sollte aber niemandem außer sich selber trauen. Yoga beinhaltet eine permanente Selbstbeobachtung und eine ständige Fehlerkorrektur. Wenn Haltungen schmerzhaft, unangenehm und strapaziös sind, sind es keine Yogahaltungen. Das ist bei seriösem Yogaunterricht der Lehrstoff der ersten Stunde. Sogenanntes Yoga, wo es um leistungsorientierten Workout geht, sind nicht mit Yoga gleichzusetzen.

Bis man es im Yoga zur Königsdisziplin Kopfstand gebracht hat, ist der Körper extremen Belastungen ausgesetzt. Sogar Fortgeschrittene können sich dabei verletzen. (© AFP)

Das ist unzutreffend. Der Körper wird im Yoga im klassischen Sinne niemals unvorbereitet extremen Belastungen ausgesetzt. Sollte dies der Fall sein, wurde der Körper durch schrittweises, tägliches Training über einen langen Zeitraum so langsam auf derartige Übungen vorbereitet, das sie den Kriterien einer „leichten Anstrengung bei ruhig fließendem Atem“ entsprechen.

Welch ein gewaltiger Trugschluss das sein kann, lernen viele Yogis irgendwann unter Schmerzen. Gezerrte Muskeln, gereizte Gelenke, entzündete Nerven und gerissene Bänder: Die Liste der möglichen Yoga-Folgen ist ähnlich lang wie die Krankengeschichte mancher Profi-Fußballer. "Die Yoga-Gemeinde hat lange über das Risiko heftiger Schmerzen geschwiegen", schreibt der amerikanische Journalist William Broad in einem Vorabdruck seines in wenigen Tagen erscheinenden Buches "The Science of Yoga". Broads deutliche Worte empören manche Yogis, die den Autor als ahnungslosen Skandalisierer beschimpfen.

Es ist richtig, das falsch unterrichtetes und praktiziertes Yoga zu Verletzungen führen kann.
Ebenfalls richtig ist, das dieses Risiko in den letzten 10 Jahren sehr zugenommen hat.
Dies liegt an der massenhaften Ausbreitung von sogenanntem Sivananda Yoga mit der Rishikesh Reihe  als Basis Praxis einerseits und dem US amerikanischen Power Yoga andererseits, bei denen ein Angebot  sehr belastender Übungen und Übungsfolgen mit Leistungsdruck von den  Trainern an die Übenden weitergegeben wird, deren Ehrgeiz zudem angestachelt wird. Die  Trainer haben meistens nur eine kurze Ausbildung von etwa 6 Monaten und in der Masse nicht die Fähigkeiten und Kenntnisse, derartige Übungen verantwortlich zu unterrichten.

Doch Mediziner, Physiotherapeuten und viele erfahrene Yogis wissen um die Risiken des Trendsports: "Es gibt einen wahren Kern an der These, dass Yoga gefährlich sein kann", sagt Jürgen Steinacker, Leiter der Sport- und Rehabilitationsmedizin der Uniklinik Ulm. "Yoga stellt eine extreme körperliche Belastung dar." Für Angelika Beßler, Chefin des Berufsverbands der Yogalehrenden in Deutschland, sind die Warnungen nichts Neues: "Gut ausgebildete Yogalehrer wissen um das Risiko, sich zu überfordern."

Dieser Satz transportiert nur die halbe Wahrheit. Yoga ist eben überhaupt kein Sport und die Integration von Yogaübungen in Sport- Settings ist auch kein Yoga. Es handelt sich um die Verwendung von Übungen aus dem Yoga für Zwecke des Sports unter Eliminierung der Prinzipien des Yoga.  Auch bei „richtig geübtem“ Yoga kann man zwar einmal zu weit gehen. Für mich ist es allerdings so, das Yoga mir seit 22 Jahren nur gut getan hat. Es gehört zum kleinen Einmaleins des Yoga, Überforderungen zu meiden. Das Problem ist die Art und Weise, wie Yoga heute sehr häufig angeboten wird. Es sind zu schwierige Übungen an ein ungeeignetes Publikum  von schlecht ausgebildeten Yogalehrern. Das ist das Problem, und es war abzusehen, das der Ruf des Yoga dadurch beschädigt wird.

Gefährdet sind vor allem jene Körperregionen, die für viele Menschen ohnehin zu den Problemzonen gehören: Wirbelsäule, Schulter-, Knie- und Hüftgelenke. Übungen, bei denen man sich stark zurückbeugt wie bei der Kobra und dem Aufschauenden Hund, belasten den unteren Rücken.

Derartige Übungen werden in gesundheitsförderndem Yoga nicht oder nur modifiziert angeboten. Die Kobra ist heute nur  eine sanfte Rückbeuge im oberen Rücken ohne jedes Risiko; der nach oben schauende Hund ist eine extrem Kraft erfordernde Übung, die im normalen Yoga gar keine Rolle spielen sollte. Diese Haltung kommt im Power oder Ashtanga Yoga vor und ist für den Rücken sehr problematisch, wenn sie falsch ausgeführt wird. Das ist aus einem Mangel an Kraft meistens der Fall.

Wer Schulterstand probt, ohne die Schultern etwas erhöht auf einem Podest abzulegen, riskiert Nackenschmerzen.

Der Schulterstand ist als traditionelle Haltung Teil der Rishikesh Reihe und birgt die Gefahr einer latenten und schleichenden Schädigung der Halswirbelsäule. Im gesundheitsfördernden Yoga wird auf den Schulterstand weitestgehend verzichtet. Wenn nicht, wird er sehr umsichtig unterrichtet und die Schüler werden über die Gefahren informiert. Zudem wird ständig beobachtet, ob die Haltung positive Wirkungen hat oder zu schleichenden Beschwerden führen könnte. Im Ashtanga Yoga, im Power Yoga und seinen Derivaten sowie in der Rishikesh Reihe wird der Schulterstand sorglos angeboten; wir haben schon erlebt, das Menschen an den Füssen in den Schulterstand oder die extreme Rückbeuge der Kobra an den Schultern hochgezogen wurden. Dies ist kein Yoga; das ist Körperverletzung.

Und der typische Lotussitz mit gekreuzten Beinen kann zur Qual für die Knie werden, wenn man sie mit großer Anstrengung Richtung Boden drückt. "Häufig werden beim Yoga Bänder, Sehnen und Gelenke überdehnt", sagt Ingo Froböse, der an der Sporthochschule Köln das Institut für Bewegungstherapie leitet.

Der Lotussitz ist keinesfalls typisch für modernes und gesundheitsförderndes Yoga. In unserer Einrichtung wird vom Lotus generell abgeraten, dh es sitzt niemand im Lotus, da dies die Gelenke schädigt und auch nicht „stabil und angenehm“ ist. Der Zweck der Sitzhaltung besteht ausschließlich  darin, eine stabile Basis für eine entspannte Aufrichtung zu bekommen, um sich sodann optimal konzentrieren zu können.  Die Knie zu quälen ist in jeder Hinsicht dysfunktional und hat mit Yoga nichts zu tun. Es ist aber richtig, das bestimmte Yogarichtungen Menschen motivieren, den Lotussitz zu üben und es durch intensives Üben zu Schäden kommen kann. Dies ist jedoch nicht vereinbar mit den Kriterien des klassischen Yoga.

Im Extremfall leiern die Bänder regelrecht aus und können den Gelenken dann keinen Halt mehr bieten. Statt dass Yoga den Körper kräftigt, können die Übungen ihm auch seine Stabilität nehmen. "Für die Muskeln ist das Risiko geringer, weil sie sich besser an die starke Belastung anpassen können", so der Sportwissenschaftler.

Beweglichkeit und Kraft sollten beim Yoga in einer harmonischen Balance geübt werden. Eine große Beweglichkeit trägt ebenso wie ein übermäßiges Training der Skelettmuskulatur nicht viel zur Gesundheit bei. Der Zweck der Yoga Asanas besteht überhaupt nicht in der Entwicklung einer übergroßen Beweglichkeit und keinesfalls in einem Ausleiern der Bänder. Asanas haben, wenn sie richtig geübt werden, komplexe Wirkungen auf den ganzen Organismus, die inneren Organe, die Atmung und das Nervensystem. Weder große Beweglichkeit noch große Muskelkraft haben etwas mit den Zielen des Yoga zu tun.

Viele ahnen nicht, dass die Schmerzen vom Yoga stammen

Wie viele Menschen unter schmerzhaften Nebenwirkungen von Yoga leiden, lässt sich kaum sagen. Die verfügbaren Zahlen scheinen zunächst jenen Menschen recht zu geben, die Warnungen vor den Yoga-Risiken für überzogen halten. So sprach die amerikanische Consumer Product Safety Commission im Jahr 2007 von 5500 Fällen, in denen Menschen in den USA mit Yoga-Verletzungen in die Notaufnahme kamen - von schätzungsweise 20 Millionen Yogis.

Es ist ein großes Problem, dass die Yogalehrer häufig nicht nur schlecht ausgebildet sind, sondern das ihr Selbstbewusstsein häufig direkt reziprok zu ihrer Unfähigkeit steigt. Insofern ahnen diese Lehrer gar  nicht, was sie bei ihren Schülern anrichten. Nach unseren Erfahrungen schreiben sich die Yogaschüler die Schuld für etwaige Verletzungen fast immer selber zu und teilen sich nicht mit. Im gesundheitsfördernden Yoga ist dies durch eine entsprechende Kommunikation ausgeschlossen, die beständig zur Selbstreflektion über die Übungserfahrungen motiviert und den Austausch darüber fördert und organisiert.   

In Deutschland liegt deren Zahl groben Schätzungen zufolge bei fünf Millionen; Daten über schwere Unfälle gibt es nicht. Ohnehin würden viele Betroffene nicht zum Arzt gehen, wenn nach der Yogastunde der Rücken drückt, sagt Monika Pohl vom Zentralverband der Physiotherapeuten. "Weil Schmerzen oft zeitverzögert auftreten, kommen viele Menschen nicht auf die Idee, dass ihre Beschwerden vom Yoga stammen." Womöglich schämen sich manche Yogis auch, sich während vermeintlich sanfter Übungen verletzt zu haben.

Frau Pohl ist meines Wissens nach keine Yogalehrerin. Es ist deshalb fraglich, woher sie ihre Informationen hat. Sie selber bildet nach meinen Informationen seit Jahren Physiotherapeuten in Yoga fort, obwohl sie selber keine ausgebildete Yogalehrerin ist. Das ist genau die falsche Richtung. Eine Physiotherapeutin kann nicht in Yoga ausbilden, wenn sie nicht selber eine gründliche Ausbildung durchlaufen hat und viele Jahre Unterrichtserfahrung gesammelt hat.
 
In der Regel ist ein Zusammenhang zwischen Beschwerden und falschem Üben unmittelbar gegeben. Der Yogaübende hat direkt nach der Stunde oder schon während der Stunde Schmerzen. Es ist eine Grundregel des Yoga, das nach einer Yogastunde keine Schmerzen auftreten dürfen. Etwaiger Nachübungsschmerz muss durch Ausgleichsübungen beseitigt werden und schnell abklingen. Die Beobachtung des subjektiven Empfindens und die Analyse der eigenen Praxis gehört zum sachgerechten Yoga dazu. Nur in sehr seltenen Fällen gibt es tatsächlich zeitverzögerte Beschwerden, die keinen Zusammenhang zur Praxis erkennen lassen. Der erfahrene Yogalehrer weist auf diese Möglichkeit hin und reflektiert dies mit seinen Schülern.

Einzelfallberichte in medizinischen Fachmagazinen beschreiben beschädigte Arterien, die das Gehirn mit Blut versorgen. Bewegt man während der Übungen den Nacken ruckartig und weit nach hinten, kann das zu Schwellungen und Blutgerinnseln in den Adern führen. Im Extremfall droht ein Schlaganfall - auch bei jungen, gesunden Menschen.

Auch hier ist wieder eine fundamentale Unkenntnis über Yoga festzustellen. Es gehört keinesfalls zu den Gepflogenheiten beim Yoga, den Körper oder gar den Nacken ruckartig und weit nach hinten zu bewegen. Der Nacken wird immer so gehalten, das er entspannt und beschwerdefrei ist und sich dort befindliche Verspannungen lösen können. Ruckartige Bewegungen sind zu vermeiden. Bewegungen werden langsam, kontrolliert und mit voller Achtsamkeit ausgeführt.

Nervenschäden durch den Lotus-Sitz

Zu einem feststehenden Ausdruck ist unter Ärzten die "Lotus-Neuropathie" geworden. In Fachblättern berichten sie von Yogis, bei denen die berühmte Sitzposition mit gekreuzten Beinen den Ischias gereizt oder zu anderen Nervenschäden im Bein geführt hat. Auch Berichte über Patienten, die sich beim Yoga ein Band im Knie rissen, Rippenprobleme oder sogar eine Lungenembolie erlitten, finden sich vereinzelt in der Fachliteratur.

Es wurde bereits bemerkt, das vom Standpunkt eines modernen, auf den klassischen Prinzipien ausgerichteten Yogaunterrichtes in der Gesundheitsförderung keinen Lotussitz gibt. Es werden nur Sitzhaltungen angeboten, die ein schmerz- und beschwerdefreies Sitzen ermöglichen und keine schädlichen Belastungen auf die Knie bringen.

Dass ein anspruchsvolles Training Verletzungen mit sich bringen kann, überrascht eigentlich nicht. Das Problem ist nur: Als solches wird Yoga oft nicht verstanden. Wer Sport treiben will, läuft Marathon oder fährt Rennrad, spielt Fußball oder geht ins Fitness-Studio. Und Yoga? Das betreiben Menschen, die auch mal was für sich tun wollen und mit Seidenmalerei nichts anfangen können. Diesen Eindruck zumindest hinterlassen die Lobeshymnen in Wellness-Zeitschriften, Raus-aus-dem-Stress-Foren und Gesünder-Leben-Ratgebern. Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass sie sich mit den vermeintlich sanften Dehnungen Schaden zufügen können.

Dieses Passus zeigt aus meiner Sicht eine Unkenntnis der Yogascene. Yoga wird mittlerweile  in weiten Kreisen als Workout und als eine Art Leistungssport betrieben und angeboten. Das was dort angeboten wird hat mit „sanftem Dehnen“ zumeist nichts zu tun. Es ist vor allem der amerikanische Yogaimport mit den verschiedenen Power Yoga Variationen. Es muss klar gesagt werden, das hier die elementaren Prinzipien des Yoga oft nicht mehr gegenwärtig sind.

Zumal niemand ernsthaft den gesundheitsfördernden Nutzen der indischen Lehre bestreitet. Schmerzen in Rücken, Kopf und Gelenken können sich bessern, ebenso die chronische Erschöpfung von MS- und Krebspatienten. Die angestrebte Entspannung lässt den Blutdruck sinken, und wer keine Beschwerden hat, profitiert im Idealfall von gesteigertem Wohlgefühl, innerer Ruhe und kann sich besser konzentrieren. "Yoga hat eine Reihe positiver Effekte", sagt der Ulmer Sportmediziner Steinacker. "Aber sie alle können sich umkehren."

Schon aus traditioneller Sicht ist es so, das Übungen für den einen Menschen nützlich, für den anderen schädlich sein können. Deshalb gibt es nach der Tradition „so viele Übungen wie es Menschen gibt“.  Ebenfalls traditionell ist die Auffassung, das alle Menschen Yoga üben können – Kinder, Junge, Erwachsene, Alte, sehr Alte, Kranke und Gebrechliche. Es kommt immer auf die passende Übungsauswahl an.

Die Gefahr dafür ist besonders hoch, wenn schlecht ausgebildete Lehrer auf übereifrige Schüler treffen.

Das ist vollkommen richtig. Ich habe  mich vor einigen Monaten selber bei einer sehr bekannten deutschen Yogalehrerin verletzt, die eine „Poweryogaklasse“ gab. Es waren dort viele Menschen unterschiedlichen Alters und Fitnessgrades. Alle wurden genötigt, einer fordernden  Übungsreihe zu folgen, die auf Überforderung angelegt war. Trotz aller Achtsamkeit habe ich mir in dieser Stunde ein Kreuzband verletzt. Die Ansagen putschten zu immer größerer Anstrengung auf, und der angebotene „Ausstieg“, falls es zu anstrengend wäre, war durch die Art der Ansage nicht zu machen.

Oder wenn das steigende Interesse an Yoga zu immer neuen Varianten führt, die nur noch wenig mit spiritueller Ertüchtigung und viel mit körperlichem Auspowern zu tun haben.

Es gibt keine neuen Yogavarianten. Insbesondere amerikanische Anbieter bieten Poweryoga mit kleinen Modifikationen unter immer neuem Namen an.

 "Manche dieser Entwicklungen sehe ich mit Argwohn", sagt der Kölner Sportwissenschaftler Froböse. "Es gibt keine wissenschaftlichen Belege, dass sie mehr Nutzen bringen." Dafür aber vielleicht mehr Schaden, wenn sich die Yogis zum Beispiel in einem bis zu 40 Grad heißen Raum abmühen wie beim derzeit angesagten Bikram- oder "Hot Yoga". Das ist nicht nur eine Strapaze, sondern auch gefährlich, denn der Schweiß kann in einem derart heißen Raum nicht verdunsten und die Haut kühlen.

Dieser Unsinn hat mit Yoga überhaupt nichts zu tun. Wir haben Berichte gehört, das die Menschen bei Bikram Yoga erschöpft und grün im Gesicht sind  und fast bis zum Erbrechen erschöpft. Da Yogaübungen nur leicht anstrengend sind, bei ruhigem Atem durchgeführt werden und niemals unangenehm sein dürfen, handelt es sich nicht um Yoga.

Das Herumturnen in aufgeheizten Räumen mache Muskeln und Sehnen geschmeidig, und durch das Schwitzen entgifte der Körper - so wird häufig für Bikram-Yoga geworben. Soll man also ein bisschen Hitze in Kauf nehmen, um sich langfristig etwas Gutes zu tun? Nein, sagt auch die Yogalehrerin Beßler: "Aus meiner Sicht ist von dieser Yogaform abzuraten." Dass der Körper sich mittels Schwitzen entgiftet und eine solche Reinigung überhaupt nötig hat, gehört in das ausufernde Reich medizinischer Mythen. Für Menschen mit Herz-Kreislauf- und anderen Beschwerden können 40 Grad heiße Räume sogar ohne sportliche Betätigung riskant sein. Und auch wer keine Vorerkrankungen hat, strapaziert Sehnen und Bänder leicht zu stark, weil "die Hitze ein irreführendes Gefühl der Biegsamkeit vermittelt", wie die Physiotherapeutin und Yogalehrerin Diana Zotos vom Rehabilitation Department der Klinik für Spezielle Chirurgie in New York warnt.

Wie schon gesagt, kann Bikram Yoga nicht ernstlich als Yoga betrachtet werden. Es ist allerdings bedauerlich, das Yogaverbände und Yogaübende sich jeder kritischen Äusserung enthalten. Häufig wird vorderhand die Vielfalt der Angebote begrüßt.

 Was einfach aussieht, verlangt nach sorgfältiger Anleitung

Doch auch bei gemäßigten Temperaturen können Yogastunden mit Schmerzen enden, und das liegt nicht zuletzt an schlechtem Unterricht. Im Vierfüßerstand den Hintern in die Höhe zu recken, sieht zwar einfach aus, verlangt aber nach sorgfältiger Anleitung.

Warum sollte man das tun?

Yoga eignet sich für jeden - das stimmt. Doch viele Schüler brauchen speziell auf sie zugeschnittene Tipps. "Wer schon Beschwerden hat, sollte seinen Arzt fragen", rät Beßler. "Ein gut ausgebildeter Lehrer kann die Übungen anpassen." Wie aber soll das funktionieren, wenn ein Kurs 20 oder mehr Teilnehmer hat? "Aus der Neurophysiologie wissen wir, dass ein Lehrer maximal zehn oder zwölf Schüler beobachten kann", sagt Froböse. Hinzu kommt, dass sich auch Yogalehrer nennen kann, wer kaum etwas über die menschliche Anatomie und Physiologie weiß. Solche Kenntnisse sind aber notwendig, um einzuschätzen, welche Einheiten sich für einen Schüler eignen.

Wenn 20 Schüler in der Klasse sind, kann man gleichwohl einen sicheren Unterricht anbieten.
Im Vorfeld muss bereits auf eine homogene Gruppe geachtet werden. Es dürfen nur sichere Übungen angeboten werden. In der Gruppe dürfen keine kranken Menschen sein.  Die Übugen müssen dem Leistungsvermögen und dem Kenntnisstand der Gruppe entsprechen, gemessen an den schwächsten Teilnehmern.

Schlecht ausgebildete Yogalehrer können auch deshalb viel Schaden anrichten, weil ihre Schüler sich oft selbst überschätzen.

Die Schüler befolgen die Anweisungen der Lehrer. Deshalb ist das Hauptproblem der Lehrer.

Menschen, die jahrelang auf Bürostühlen und in Autositzen kauerten, müssen erst einmal die richtige Atemtechnik lernen, ehe sie sich an komplizierte Verrenkungen wagen.

Dieser Satz ist allerdings grausam. Atemtechniken sind überhaupt nichts für Anfänger und komplizierte Verrenkungen auch nicht. Anfänger mit den heute üblichen Vorraussetzungen einer sitzenden Lebensweise müssen mit einfachen Yogaübungen  beginnen, die ihre Kraft und Flexibilität sowie das Körperbewusstsein langsam entwickeln. Asanas und Entspannung verbessern die natürliche Atmung. Es geht nur um die Befreiung des Atemsystems von Blockaden und Einschränkungen.

 Doch das geht vielen zu langsam. "Menschen starten oft von null auf 100, wenn sie sich erst einmal entschieden haben, aktiv zu sein", sagt Froböse. "Dabei ist ein Training viel effizienter, solange man sich leicht unterfordert fühlt."

Wie bereits gesagt wurde, sind Yogaübungen nur leicht anstrengend. Diese Anstrengung wird durch eine folgende Entspannung wieder aufgelöst und am Ende bringt eine 10 - minütige Tiefenentspannung große Erholung. Zu diesem Zeitpunkt soll man sich frisch, erholt, ausgeglichen und voller Energie fühlen. Die Praxis von Asanas dienst der Vorbereitung der Meditation. Hierfür ist ein erschöpfter Zustand sinnlos und kontraproduktiv. Yoga setzt grundsätzlich auf eine massvolle und regelmässige Praxis und sieht eine  seltene und intensive Praxis als sinnlos an.

Wer aber will in einem Kurs schon derjenige sein, der nicht einmal mit den Fingerspitzen bis zum Boden kommt, während die Nachbarn scheinbar mühelos auf ihren Bauchmuskeln schaukeln und dabei mit Armen und Beinen über dem Rücken ineinandergreifen? "Vor allem sehr sportliche Menschen sowie Anfänger neigen dazu, sich zu überfordern", sagt Beßler. Ähnlich empfindet es Physiotherapeutin Pohl: "Viele Yoga-Schüler sind zu ehrgeizig und haben ein geringes Körperbewusstsein." Wo ihre Leistungsgrenze liegt, können sie oft nicht beurteilen.

Dies zu lösen ist die Aufgabe des Yogalehrers. Die erste Lektion des Yoga ist, das es nicht um den Nachbarn geht und auch nicht um Leistung. Es geht ganz darum, herauszufinden, was für mich in diesem Augenblick gut und richtig ist. Der Lehrer muss hierzu geeignete Übungen anbieten. In der Regel sollten dies einfache Übungen sein, die eine Überforderung und Verletzung ausschliessen.

Schmerzen sind zwar ein hilfreiches Warnsignal, treten meist aber erst auf, wenn man bereits zu weit gegangen ist. "Es geht nicht um das Motto ,je extremer, desto besser'", sagt Beßler. Anstreben sollte ein Yogi stattdessen innere Ruhe und Entspannung - und das kann mühsamer zu lernen sein als Kobra, Krähe und Kopfstand.

Auch hier wird ein falscher Gegensatz aufgebaut. Körperübungen im Yoga dienen der Gesundheit des Bewegungs- und Haltapparates, der inneren Organe, der Verbesserung des Atems und der Pflege der Wirbelsäule. Über das Nervensystem werden psychosomatische Effekte erzielt, die zu einem erhöhten Wohlbefinden und emotionaler Ausgeglichenheit beitragen. „Je extremer desto besser“  ist kein Motto des Yoga und hat mit Yoga weder etwas zu tun  noch ist die Praxis der Asanas ein Gegensatz zum Ziel der Entspannung.

Leider sind wir heute an einem Punkt angekommen, wo Yoga in einen schlechten Ruf kommt. Hatte noch Dr. Ebert in „Yoga und unsere Medizin“ davon gesprochen, das Yoga eine „Physiotherapie mit körpereigenen Mitteln“ sei, so geht es heute nicht selten vom Yoga zum Physiotherapeuten.

Dieser Fehlentwicklung muss begegnet werden. Die Tripada Akademie  hält einen Mindeststandard von 2 Jahren und 500 Stunden für eine Yogalehrerausbildung für unabdingbar.

 

 

 

  Yoga Akademie Stefanie Dufke

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